Foto © Ben Gross

Sophie Sumburane, geboren 1987 in Potsdam, studierte Germanistik und Afrikanistik an der Universität Leipzig sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und promoviert an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt über forensische Linguistik. Sie ist Autorin mehrerer Kriminalromane, schreibt für verschiedene Medien und engagiert sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Sie ist Teil des Netzwerks »Herland – feministischer Realismus in der Kriminalliteratur« und Mitglied im Board des PEN Berlin.

Sophie Sumburane liest aus „Tote Winkel“, erschienen 2022 bei Edition Nautilus.

Leseprobe

Tatsächlich riefen meine Mutter, meine Tante, meine Schwägerin und meine ältere Schwester immerzu: »Kay! Die Töpfe!« Also stand ich auf, jeden Tag, und wusch die Töpfe, die meine Mutter kurz darauf mit Hühnchen füllte, meine Tante mit Chima und meine Schwägerin mit Reis. Die meine große Schwester wieder neben dem Eingang zum Haus aufstapelte. Doch dann war ich schon längst nicht mehr auf dem Hof. War längst die zwei Kilometer zur Küste gerannt, über rote Sandwege und Asphaltstraßen, durch Schlaglöcher, vorbei an den langsam verfallenen Villen der Kolonialisten, die mit zunehmender Nähe zum Strand immer prächtiger wurden. War schon bei meinem Versteck gewesen, hatte meinen Drachen aus Zeitungspapier, Stöcken und Angelsehnen hervorgeholt, neu justiert und steigen lassen. Im frischen Küstenwind rannte ich zu diesem Zeitpunkt bereits durch die sanfte Brandung des Strandes, die kurzen Wellen, die sich auf dem mit Muscheln und Steinen durchsetzten Strand brachen, und verfolgte das Tanzen meines Meisterwerks am Himmel. Zwischen den vielen anderen Drachen der vielen anderen Kinder, die den Wind nutzten, um vom Fliegen zu träumen. Davon, die Welt von oben zu sehen, über allem zu stehen. Die bunten Bänder der zahlreichen Drachen flatterten und konnten dennoch nicht weg. Ebenso wie Mutters Hühner, deren Flügel erst gestutzt und dann vor aller Augen gerupft wurden. Als ich noch ein Kind war, fand ich es normal, ein totes Huhn vor anderen Hühnern zu rupfen, während ich unter dem Mangobaum saß, die Schale von der Frucht zog und sie aß.

Bibliographie

Kriminalromane

Gestörte Verhältnisse. Janine Anders ermittelt. fhl Verlag, Leipzig 2012, ISBN 978-3-942829-36-6.

Gefährlicher Frühling. Pendragon, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-86532-386-6.

Tote Winkel. Edition Nautilus, Hamburg 2022, ISBN 978-3-960542995